Giselle Mueller Roger Welter
Der BBT - Berufsbildertest wurde im Jahre 1990 durch Prof. André Jacquemin in Brasilien eingeführt, damals Leiter der Hochschule für Philosophie, Wissenschaft und Sprachen („Faculdade de Filosofia e Letras") der Universität São Paulo in Ribeirão Preto.
1980 hatte Jacquemin seinen ersten Kontakt mit dem Test während seines Post-Doktorandum-Praktikums am „Centre de Consultation et d‘Orientation Psychologique et Pédagogique" an der „Université Catholique de Louvain". Er begeisterte sich für den BBT, da es sich um ein Testverfahren handelt welches die Interaktion zwischen dem Berater und dem Beratenden hervorhebt, basiert auf den von diesem dargebrachten Fragestellungen. Es interessierte ihn, diesen in Brasilien bekannt zu machen und begann 1982 seine interne Gültigkeit und die Angemessenheit an den brasilianischen Kulturraum zu erforschen.
Die Ergebnisse wurden an Kongressen und wissenschaftlichen Zusammenkünften in Brasilien und Belgien vorgestellt. 1985, beim „VI Lateinamerikanischen Rorschach Kongress und Anderen Projektiven Verfahren" hatte ich Gelegenheit, einer Vorstellung des BBT beizuwohnen. Die Übersetzung begann in 1988, wurde jedoch erst in 1991 durch das Verlagszentrum für Tests und Psychologieforschung (CETEPP) veröffentlicht.
Die Übersetzung ins Portugiesisch erfolgte nach dem französischen Text, übersetzt von Ria Walgraffe und Leleux. Bei der brasilianischen Ausgabe sind die schweizer statistischen Angaben weggefallen und sie erhielt ein Einführungskapitel über den „BBT in Brasilien".
Bei seinen Studien in bezug auf die Gültigkeit des Inhaltes in Brasilien mit den 96 Originalfotos, beobachtete Jacquemin dass 80% der Fotos von den Probanden korrekt beachtet wurden, wobei der Rest sich gleichmäßig verteilte auf Fotos die nur den Sekundärfaktor bestätigten und Fotos die einen Fremdfaktor auf die von Achtnich vorgeschlagenen Primär- und Sekundärfaktoren hervorriefen, hauptsächlich in bezug auf Fotos G, G‘ und W.
Die Studien mit den weiblichen Fotos ergaben, dass 85% der Fotos richtig wahrgenommen wurden, wobei Fotos mit Problemen sich wiederum auf die Faktoren G, G‘ und ausserdem O und Z konzentrierten.
Diese präliminaren Ergebnisse legten nahe, dass die männliche Version in Brasilien für beide Geschlechter benutzt werden könnte und dass die weibliche Version ebenfalls für den Gebrauch in den brasilianischen Kulturraum angemessen sei.
Jacquemin hat jedoch seine Untersuchungen wieder aufgenommen um eine Kontinuität am Prozess der Anpassungsbewertung des BBT als Instrument für eine psychologische Untersuchung innerhalb des kulturgesellschaftlichen Kontextes in Brasilien zu erzielen. Ausgehend von den Assoziationen von 91 männlichen Probanden zwischen 15 und 19 Jahren und der Annahme von 58% Assoziationskorrespondenz zu den Primärfaktor als Gütekrieterium, schloss er, dass 42 Fotos der 96 Originale eine Neuanfertigung benötigten, vor allem die Fotos die sich auf die Faktoren G, G‘ und Z beziehen.
Beim Prozess der Neuanfertigung der Fotos wurden Intervieuws mit berufstätigen Personen durchgeführt. Dieses Material war wichtig für die Auslese der charakteristischsten Berufsituationen in den neuen Fotos. Diese Fotos sollten gleichzeitig in bezug zu den von Achtnich vorgeschlagenen Primärfaktoren stehen. Die fotografierten Berufssituationen wurden am jeweiligen Arbeitsplatz simmuliert. Sieben Fotos zu jedes zu bearbeitende Foto wurde vorher auf sieben verschiedenen Möglichkeiten getestet, um die Assoziationen in bezug auf den Primärfaktoren zu prüfen.
Beispiel einer Neuanfertigung eines Fotos – Faktor W:
Foto Ws17 – Physiotherapeut (Krankengymnast). Auf dem Originalfoto haben wir einen Mann in einer Badewanne und einen anderen weissgekleideten ausserhalb stehenden Psysiotherapeuten, der dessen Bein berührt. Gemäß Jacquemin war dieses Foto ablehnend weil es eine Intimität zwischen Männern vorschlägt, ein schwieriges Thema in einer Macho-Gesellschaft wie in Brasilien, und gleichzeitig keine Assoziation zu Entgegenkommen, Hingabe und Dienstleistung in ähnlichen Situationen hervorruft.
Das durch Jacquemin vorgeschlagene Foto des BBT-Br ist das eines Mannes der sich um eine Frau kümmert, dargestellt mit einem weissgekleideten Mann im Zentrum des Fotos der das Bein der Dame berührt, jedoch ohne die weibliche Figur hervorzuheben. Die Ablehnungsrate zu diesem Foto ist dadurch deutlich gesunken.
Die Sammlung der neu angefertigten Fotos wurde BBT-Br genannt.
BBT - Br
Die neuerarbeiteten Fotos
| |
Ww1 Kürschner |
|
Gm54 Chemielaborant |
|
|
|
| Sw3 Krankenpfleger |
|
So59 Reiseleiter |
|
|
|
| Vw5 Textilprüfer |
|
Zo60 Conferéncier /Fernsehmoderator |
|
|
|
| Mw7 Chemischreiniger |
|
Vo61 Kaufmann |
|
|
|
| Zk12 Dompteur |
|
Go62 Politiker / Journalist |
|
|
|
| Gk14 Untersuchungsbeamter |
|
Mo63 Antiquitätenhändler |
|
|
|
| Ok16 Börsenmakler |
|
Z’w66 Balletmeister |
|
|
|
| Ws17 Psysiotherapeut |
|
G’w68 Komponist |
|
|
|
Gs22 Psychiatriepfleger /
Psychotherapeut, Psychologe |
|
S’k69 Turnlehrer / Karatelehrer |
|
|
|
| Wz25 Herrencoiffeur |
|
G’k72 Advokat |
|
|
|
| Gz30 Créateur (Künstler) |
|
V’s75 Bauführer |
|
|
|
| Oz32 Verkäufer, Demonstrant |
|
G’s76 Elektroingenieur |
|
|
|
| Wz33 Herrenschneider |
|
G’z80 Kunstmaler |
|
|
|
| Kv34 Schlosser |
|
Z’v82 Diplomaten |
|
|
|
| Zv36 Goldschmied |
|
G‘v84 Forscher (z.B. Biologie) |
|
|
|
| Gv38 Physiker / Physiklaborant |
|
Z’g86 Dirigent |
|
|
|
| Mv39 Gerber |
|
Z’m90 Restaurator |
|
|
|
| Wg41 Modeschneider / Florist |
|
V’m91 Bibliothekar, Archivar |
|
|
|
| Wm49 Kosmetiker / Elektriker |
|
G’m92 Geologe |
|
|
|
| Km50 Sanitärinstallateur / Mehlsackträger |
|
Z’o94 Fernsehsprecher |
|
|
|
| Zm52 Mosaiker |
|
G’o96 Philosoph (Redner) |
|
|
|
| Vm53 Kassier |
|
|
Diese Fotos wurden bei kollektiven Testdurchführung benutzt, mit Diasvorstellung, um statistischen Angaben zum sozial-gesellschaftlichen brasilianischem Kontext zu erhalten. Bei dieser Studie haben Schüler der Mittelstufe von öffentlichen und privaten Schulen, sowie Universitätsstudenten der exakten wissenschaftlichen, soziologischen und naturwissenschaftlichen Bereiche mitgewirkt, ergänzt durch klinische Testdurchführung von Berufstreuen Versuchspersonen.
Das Ergebnis seiner Untersuchung „BBT-Br – Berufsbildertest, Normierung, brasilianische Anpassungen, Fallstudien" wurde im Jahr 2000 veröffentlicht. Dieses Werk wird von einem kleinen Wörterbuch der Funktionen begleitet, welches die Arbeit der Schätzung der Assoziationen nach den vorgeschlagenen Funktionen durch Achtnich erleichtert.
Vor kurzem hat Jacquemin mit seinem Team eine Studie zu einer weiblichen Serie begonnen, in welcher er die gleichen Kriterien wie bei der angepassten männlichen Serie zur brasilianischen Realität vornimmt. Wegen seiner Erkrankung wird diese Arbeit durch Frau Sonia Regina Pasian fortgeführt, welche die technische Oberaufsicht der Übersetzung ins Portugiesisch ausführte und bereits bei der Forschung der männlichen Fotos mitgewirkt hat.
Die neuangefertigten Fotos der weiblichen Serie sind schon fertig, werden aber noch ausgewertet und sind noch nicht auf dem Markt vorhanden.
Ich hatte Gelegenheit meine BBT Ausbildung persönlich mit Dr. Achtnich zu machen als er bei seinem zweiten Besuch zur Veröffentlichung der brasilianischen Ausgabe des BBT 1991 in Brasilien war. Seit 1992 arbeite ich mit dem BBT bei der Beruf- und Karriereberatung von Privatratsuchenden in meiner Praxis, zuerst mit der Originalserie und, seit 1999, mit dem BBT-Br.
In diesen drei Jahren konnte ich beobachten, dass viele der Fotos des BBT-Br weniger zweideutig sind, obwohl ich meine Bedenken bei der Benutzung von öffentlichen und bekannten Figuren der brasilianischen Kulturszene habe, welche eine Assoziation zur Person und nicht zur dargestellten Berufsausführung oder zum Primärfaktor nach Achtnich hervorbringen. Heutzutage benutze ich die Fotos von BBT-Br, allerdings ohne die dargestellten öffentliche Persönlichkeiten.
Ich hatte noch keine Gelegenheit, mit der brasilianischen Version der weiblichen Serie zu arbeiten, obwohl ich diese bereits kenne.
In diesen 10 Jahren die ich mit dem BBT-Br arbeite habe ich feststellen können, dass der Zufriedenheitsgrad mit den erhaltenen Beratung von meinen Ratsuchenden, bei der klinischen Anwendung, sehr zufriedenstellend ist. Bei einer vor kurzem abgeschlossenen Studie mit 116 Personen (62 weibliche und 54 männliche im Alter von 14 bis 20 Jahre), die ich seit 1995 beraten habe, konnte ich feststellen, dass 73% der Ratsuchenden die Berufswahl mit Basis auf den Primärfaktoren des BBT trafen und zufrieden waren; 6% trafen die Berufswahl mit Basis auf den Sekundärfaktoren und waren ebenfalls zufrieden. 20,5% hatten noch nicht ihren Weg gefunden, wobei 5% emotionale oder familiäre Probleme aufwiesen und 15,5% die Mittelstufe noch nicht beendet hatten oder einen Austausch machten und somit den Entscheidungsmoment vertagt hatten.
Seit 1998 entwickele ich eine Arbeit zusammen mit Personalabteilungen der Automobilindustrie mit dem Ziel, die Übereinstimmung oder Diskrepanz zwischen der Neigungsstruktur von Kandidaten zu einer bestimmten Position im Unternehmen mit dem Anforderungsprofil dieser Stelle/Position zu untersuchen. Diese Arbeit erfordert eine klare Beschreibung der zu bewältigenden Aktivitäten, was nicht immer möglich ist durch das Fehlen an Klarheit welche die Personalleiter darüber haben, was wirklich von diesem Beruf im Alltagsleben verlangt wird. In diesem Fall benutze ich das von Achtnich vorgeschlagene Verfahren und berücksichtige die fünf Aspekte in meiner Analyse: die Tätigkeit, das Instrument, das Objekt, das Umfeld und das Ziel in seiner faktoriellen Entsprechung, mit Basis auf der vom Abteilungsleiter dargestellten Arbeitsplatzbeschreibung.
Die Anwendung des BBT-Br im Auswahlprozess der Personalabteilung ergab, dass Erwachsene im allgemeinen eine höhere positive Wahlhäufigkeit der Bilder vorweisen als die statistischen Angaben von Jacquemin und Nunes. Dies motivierte mich zu einer Untersuchung um erste statistischen Angaben zu dieser Altersstufe zu erzielen.
Die eingegangenen Daten von 169 Protokollen, 72 Frauen und 97 Männer im Alter von 18 bis 51 Jahre, zeigen dass, im allgemeinen, die positive Wahlhäufigkeit bei 46- 47 in der Frauengruppe und 54 – 55 in der Männergruppe liegt. Der Durchschnitt von positiven Wahlen liegt praktisch 100% höher als die Angabe von Achtnich (27 – 28 bei den Mädchen und 23 – 24 bei den Jungen) und von Jacquemin und Nunes (23 – 24 bei den Mädchen und 31 – 32 bei den Jungen) in der Normierung mit Jugendlichen. Es handelt sich hier aber um spezielle Gruppen, was die Generalisierung der Ergebnisse nicht erlaubt. Dies zeigt jedoch die Notwendigkeit, eine Normierung für Erwachsene zu erhalten, da der BBT sich bei der Beratungsarbeit in Karriere und Personalauswahl nützlich zeigt.
Lucy Leal Melo-Silva, in ihrer Doktorarbeit unter Anleitung von Jacquemin, versuchte die Resultate und die Prozesse der verschiedenen Interventionspraktiken in der Berufsberatung zu bewerten. In ihrer Studie ist sie zu dem Schluss gekommen, dass der BBT ein wertvolles Instrument ist. Wenn er zusammen mit einer operativen Gruppe angewandt wird, trägt er positiv zur Lösung der Berufswahlproblematik bei Jugendlichen bei.
Der BBT weckt bei den Berufberatern großes Interesse, wobei eine gewisse Skepsis in bezug auf das Niveau der erwarteten theoretischen Kenntnis besteht. Der BBT erfordert vom Berufberater eine neue theoretische Referenz, die Persönlichkeitstheorie von Szondi, in Brasilien praktisch unbekannt.
Psychologen, die zum Team von Jacquemin und der Hochschule für Philosophie, Wissenschaft und Sprachen der Universität São Paulo in Ribeirão Preto gehören, haben Einführungskurse zum BBT in Kursen vor Kongressen oder innerhalb von Fortbildungskursen für Berufsberatung angeboten. Es besteht ein Konsens zur Notwendigkeit der Oberaufsicht bei der Anwendung des Tests, da das Lesen des Handbuches nicht ausreichend ist. Ich persönlich finde es wichtig, dass der BBT in das Studium an den Hochschulen für Psychologie eingeführt wird, so wie es auch mit anderen projektiven Verfahren wie Rohrschach, Pfister, PMK und andere geschieht.
Heutzutage erlebt der BBT eine günstige Zeit zur Verbreitung und Anwendung, was seinen Autor mit Sicherheit mit Freude erfüllen würde.
Bibliographie:
Achtnich, M. Der Berufsbilder-Test, Projektives Verfahren zur Abklärung de Berufsneigung. Berna: Hans Huber, 1979.
Achtnich, M. BBT: Teste de Fotos de Profissões – Método Projetivo para Clarificação da Inclinação Profissional. Übersetzung aus den französischen J. Ferreira Filho, technische Oberaufsicht André Jacquemin e Sonia Regina Pasian. São Paulo: Centro Editor de Testes e Pesquisa em Psicologia, 1991.
Jacquemin, A. O BBT-Br: Teste de Fotos de Profissões: Normas, Adaptação Brasileira, Estudo de Caso. São Paulo: Centro Editor de Testes e Pesquisa em Psicologia, 2000.
Jacquemin, A.; Noce, M. A.; Assoni, R.F.. Dicionário de Atividades Profissionais, São Paulo, Centro Editor de Testes e Pesquisa em Psicologia, 2000.
Silva, Lucy Leal Melo e Jacquemin, A.. Intervenção em Orientação Vocacional/Profissional: avaliando resultados e processos. São Paulo: Vetor, 2001.
Welter, G. M. R.. Uma Experiência com o BBT – Teste de Fotos de Profissões em Recursos Humanos de uma Indústria Automobilística, in Anais do III Encontro da SBRO, 1998.
|